Von Glocken, Grabsteinen und einem Blick im Dunkeln
Niemand weiß genau, woher Boris kommt.
Er spricht nicht viel. Eigentlich gar nicht.
Nur die Nacht kennt seinen Klang – ein leises Rascheln, ein Hauch von Bewegung, wenn etwas Unsichtbares über die Dächer streicht. Manche sagen, er sei einst aus einem besonders dunklen Schatten geschlüpft. Andere behaupten, er habe sich selbst aus alten Knochen und Mondlicht zusammengesetzt.
Boris widerspricht niemandem.
Er hört zu. Immer.
Wenn der Wind die Blätter über alte Friedhofsmauern treibt, sitzt er still auf einem Grabstein und zählt, wie viele Male die Krähen rufen.
Er mag die Zahl dreizehn.
Und das Geräusch, wenn Nebel an kaltem Stein entlangkriecht.
Nur Bettsy behauptet, sie hätte ihn früher mal beim Vollmond in einer alten Burgruine getroffen.
Damals hätte er noch weiche Flügel gehabt und einen ziemlich schlechten Orientierungssinn.
Einmal sei er rückwärts gegen eine Turmglocke geflogen – sie hat bis heute einen Sprung.
Bettsy kichert jedes Mal, wenn sie davon erzählt. Boris nicht.
Einmal wurde er in einer verfallenen Kapelle gesehen – hängend, kopfüber, mitten über einem Spinnennetz, das keiner weben konnte.
Darunter lag eine einzelne Münze, alt, angelaufen und mit einem kaum erkennbaren Symbol: einem Auge.
Niemand weiß, wem sie gehörte.
Niemand wollte sie je berühren.
Heute landet Boris immer punktgenau.
Meistens dort, wo es ein bisschen zu ruhig ist.
Wo der Wind pfeift und der Kürbis schon leicht fault.
Wo sich Spinnen in den Ecken treffen, um Geschichten zu erzählen, die man besser nicht hört.
Er sagt nichts, tut nichts.
Manchmal bewegt sich nur sein Schatten – obwohl er selbst still liegt.
Seine Flügel knistern leise, wenn der Nebel kommt.
Seine Augen glänzen im Dämmerlicht.
Niemand weiß, was er sieht.
Aber wehe, du drehst ihm den Rücken zu.
💀 Boris sieht dich. Auch im Dunkeln. Immer.